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Tuesday, August 22 Der Ruf der HeuchlerGünter Grass ist kein Monster, sondern ein redlicher Mann. Derjenige, der nach zahlreichen Jahren, wissend von den Konsequenzen, ein Geständnis macht ist mutig, anständig und verzeihlich. Diejenigen, die ihn verurteilen, die gemütlich ihn richten, als wäre er die Verkörperung jeder deutschen (gegenwärtigen und vergänglichen) Bosheiten, sind feige und heuchlerisch. Der Schriftsteller, der damals 17 Jahre alt war (stellen Sie sich es vor: 17!), hat am Ende des Kriegs an der Waffen-SS teilgenommen. Der Krieg ging vorbei und er (nicht ich, Sie oder seine neuliche Richter) musste ein Leben entlang mit den Erinnerungen jener Zeit zusammenleben. Die Zeit verging, er hatte fast ein ganzes Leben gelebt; die Erde drehte sich weiter und, obwohl so viel passiert war, hatten ihn die Erinerrungen sein Leben lang verfolgt. Das Schweigen und die Reue müssen nicht unbedingt gegensätzlich sein. Als der Junge Grass wuchs, überlegte, bereute, waren unendliche Jahre vergangen, in denen er sich über die Konsequenzen eines Geständnisses nachzudenken konnte. Derweil saßen wir bequem und schuldlos zu Hause. Oder nicht. Es gibt kaum noch eine deutsche Familie, die nichts mit der Nazizeit zu tun hat. Jeder wurde irgendwie vom Krieg betroffen; mal als Nazionalsozialisten, mal als Verfolgter von ihnen (ohne die widerwilligen Soldaten zu erwähnen). Deswegen wird der „Günter-Grass-Vorfall“ etwas so Emotionales. Die Meinungen sind leidenschaftlich dafür oder dagegen und der Verfasser von „Beim Häuten der Zwiebeln“ wurde plötzlich das Symbol einer Zeit, die jeder Deutsche, jeden Tag, bekämpft. Wie viele andere der Sorte „Grass“ gibt es in Deutschland? Wie viele Menschen haben bislang keinen Mut gehabt, um so ein öffentlich Geständnis zu machen? Wie viele ex-Waffen-SS-Kämpfer starben schon, ohne dass die eigene Familie davon wusste? Und wie viele von denen greifen den Autor heute herzlos an? Das Werk vom Romancier, welches den Ruf Deutschlands im Ausland aufrichtete und gegen nazionalsozialistische Ideen verbreitete, kann nicht auf einmal gelöscht werden. Auch die Menschlichkeit von dem alten Grass kann nicht einfach weggenommen werden. Das darf man nicht tun. Die größten Grausamheiten der menschlichen Geschichte waren auf die Unanerkennung der Menschlichkeit von anderen gegründet. So war es im Nationalsozialismus. Damals konnte man irrational eine Seite wählen und dafür kämpfen. Heutzutage ist Deutschland zum Glück anders und man darf nicht mehr summarisch einen verurteilen.
Com auxílio de Dirk Schulte |
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